Guttenberg

Der Show-Auftritt des Karl-Theodor zu Guttenberg

Mehr als 700 Besucher feierten Karl-Theodor zu Guttenberg in der Stadthalle in Schwabmünchen. Er enttäuscht die Erwartungen nicht und bietet ein kabarettreifes Programm.

Die Guttenberg-Euphorie ist zurück – auch in Schwabmünchen. In der Stadthalle reichten am Freitagabend die rund 700 Sitzplätze bei Weitem nicht aus. Dutzende Zuhörer mussten hinten an den Wänden und im Foyer stehen, um den Auftritt des CSU-Wahlkämpfers mitzuerleben.

Bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung wurde der Saal geöffnet. Nach wenigen Minuten waren fast alle Sitzplätze weg. Vergessen scheint die Plagiatsaffäre. Bei seinem ersten Wahlkampfauftritt in Kulmbach Ende August hatte Karl-Theodor zu Guttenberg den Zitate-Klau nur ganz beiläufig erwähnt: „Jetzt ist mal gut”, formulierte er.

Das meint auch Zuhörer Andreas Ruepp in Schwabmünchen. „Er hat einen dummen Fehler gemacht, aber er war der beste Verteidigungsminister, den wir je gehabt haben“, sagt der Polizeibeamte aus Buxheim bei Memmingen. Jeder habe eine zweite Chance verdient.

Unter den Besuchern sind Menschen aus der gesamten Region. Auf dem Parkplatz stehen auch Autos aus München, Günzburg, Mindelheim und dem Ostallgäu. Dabei ist auch Autohändler Peter Schäfer aus Schwabmünchen. „Guttenberg ist einer, der verkrustete Strukturen aufbrechen könnte.“ Auch Carola Prantl aus Gessertshausen kann sich vorstellen, dass Guttenberg in die Politik zurückkehrt. „Er passt in jede Jacke. Er ist ein Gestalter.“

Guttenberg beweist Humor – spricht aber viele ernste Themen an

Um Punkt 19.01 Uhr kommt er dann. Federnder Schritt, strahlendes Lächeln. Applaus brandet auf. Hinter ihm freuen sich die CSU-Landtagsabgeordnete Carolina Trautner und Hansjörg Durz, CSU-Bundestagsabgeordneter. Beide haben ihren Wahlkreis im Augsburger Land.

Guttenberg schaut lässig aus: blaues Sakko, Jeans. Der oberste Knopf des weißen Hemdes bleibt offen. Die rechte Hand ist bandagiert. Zu viele Hände geschüttelt? Das tut er auch in Schwabmünchen ausgiebig.

„KT“ is back. „Klartext mit Karl-Theodor zu Guttenberg“. So hat die CSU die Wahlunterstützungstournee des 45-Jährigen angekündigt.

Nach der Begrüßung durch Trautner und Durz federt der Stargast auf die Bühne. Bevor er loslegt, begrüßt er den verspätet eingetroffenen Europa-Abgeordneten Markus Ferber mit dem Spruch: „Wohl Air Berlin geflogen?“ Guttenbergs Polit-Show ist eröffnet.

Dann folgt ein Warm-up mit einem Blick ins lokale Geschehen. Der Baron aus Oberfranken hat unsere Zeitung gelesen und zitiert: „Bellender Hund vertreibt Einbrecher. Bei der inneren Sicherheit scheint Schwabmünchen gut aufgestellt“, witzelt er. Und: „Ihr Fußballklub TSV ist seit fünf Spielen ohne Sieg. Das ist ja wie bei Martin Schulz.“

Freundlich lobt er seine Gastgeber Trautner und Durz, erwähnt auch Landrat Martin Sailer und Finanzstaatssekretär Franz Josef Pschierer. Alles Parteifreunde in der ersten Reihe. Dann legt er richtig los. Guttenberg spricht frei, die Hände stets mit verstärkender Gestik im Einsatz. Mancher halte den deutschen Wahlkampf für ein „Schlaflabor“. Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt er „seine ehemalige Chefin in Berlin“. Sie sei kein „naturgegebenes Show-Talent, aber habe unser Land gut regiert“. Wenn sie auch gelegentlich einen liebevollen Hinweis aus München brauche.

Trump bezeichnet der Freiherr spöttisch „als das intellektuelle, blonde Schwergewicht im Weißen Haus“. Nach sechs Jahren in Amerika wisse er, wie gut es Deutschland gehe. Guttenberg lebt im Bundesstaat Connecticut nahe New York. Ein Gesundheits- und Sozialsystem sei dort kaum erkennbar. Die Verkehrsinfrastruktur im Großraum New York passe eher zum Sudan als zu einer Industrienation. Seit er die Arbeit der Verwaltung in den USA kennengelernt habe, schwärme er von den deutschen Behörden.

Nächstes Thema Sicherheitspolitik – nächstes Bonmot: Guttenberg sei froh, wenn er eine Überwachungskamera sehe. „Denn ich habe nicht unmittelbar vor, ein Fahrrad zu klauen. Zitate ja, aber kein Fahrrad.“

Guttenberg zeigt sich in Schwabmünchen selbstironisch und angriffslustig

Der Polit-Entertainer hat die Lacher auf seiner Seite. Sein kabarettreifes Programm kommt an: Er ist selbstironisch, eloquent und angriffslustig. Den Tanz auf dem politischen Parkett beherrscht „KT“ auch ohne Mandat. Doch Guttenberg hat auch eine ernsthafte Seite. Im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise 2015 lobt er die Bayern für die Unterstützung „so vieler armer Menschen“. Darauf könnten alle unglaublich stolz sein. Und er sagt voraus, dass wir uns auf weitere Fluchtwellen aus Afrika gefasst machen müssen.

Die Integration der Flüchtlinge sei eine europäische Gemeinschaftsaufgabe. Da könne sich niemand rausnehmen. Für die ablehnende Haltung Ungarns und Polens fehle ihm das Verständnis. Für die Zukunft der EU wünsche er sich neue Impulse von Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron.

Innenpolitisch fordert Guttenberg Steuerentlastungen für alle Einkommensschichten. Und eine rasche Verbesserung der digitalen Infrastruktur. Er sei am Freitag aus seiner Heimat Kulmbach mit dem Auto nach Schwabmünchen gefahren. „Dabei habe ich zehn Telefonate geführt. Acht wurden wegen schlechtem Netz unterbrochen.“ Das könne höchstens dienlich sein, wenn die Schwiegermutter am anderen Ende der Leitung sei.

Guttenberg ist ein glänzender Unterhalter, der sein Publikum in den Bann zieht. Mancher im Publikum mag sich fragen: Sind die insgesamt sieben Wahlkampfauftritte nun schon der Anfang eines Comebacks? Vor allem Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wirbt zunehmend um die Rückkehr des Gestrauchelten auf die große Bühne, weil der CSU-Adelige wegen seines Glamour-Faktors bei den Wählern beliebt ist.

Die Stadthalle Schwabmünchen ist für Guttenberg eindeutig zu klein. Der Mann erklärt Deutschland, Europa und die internationale Politik, als kenne er die Welt wie seine Westentasche. Kein Wunder, in Washington diskutiert Guttenberg in den einflussreichen Thinktanks. Deswegen holte ihn Seehofer auch in das außenpolitische Beratergremium der CSU.

Guttenbergs Auftritte im Wahlkampf 2017 haben daher vor allem zwei Hintergründe: Erstens sollen sie der CSU im Bundestagswahlkampf helfen. Zweitens soll die CSU-Führungsebene wieder an Guttenberg gewöhnt werden. Dort hält sich die Begeisterung über die Show-Auftritte des Vielleicht-Rivalen nämlich in Grenzen.

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